Biografie der Familie Hagen

 

 

 

geb. 12.07.1902 in Altona, verhaftet am

11.07.1935 Steintwiete (früher Steintwiete 25)

eingezogen am 03.02.1943 zum Bewährungsbataillon 999,

seit November 1944 in Bosnien verschollen

 

 

„Du gab’s mir ein Röschen

Du gab’s mir die Ruh‘

Du herzliebes Mädchen

Wie kamst Du dazu?

 

Die blutrote Rose

Bedeutet Dein Herz

Das stets mich umkoste

In Freud und in Schmerz“

 

 

Der, der diese Zeilen 1936 in der Haftanstalt KOLAFU für seine Ehefrau schrieb, hieß Karl Jonny Hagen und war mein Großvater.

 

Mein Großvater Karl Jonny Hagen wurde am 12. Juli 1902 als achtes Kind des Gemüsewarenhändlers Johann Hinrich Hagen und dessen Ehefrau Metta Hagen, geborene Dössel, in der kleinen Schmiedestr. 23a in Altona geboren. Nach Ende seiner Schulzeit, war er zunächst im Straßenhandel tätig und verkaufte zusammen mit seinem Vater Gemüse und Kartoffeln als fahrender Händler auf dem Fischmarkt, dem Hopfenmarkt und anderen Marktständen in Hamburg. 1926 begann er seine Lehre als Maurer und hat für die Firma Wartenberg gearbeitet. 

Am 27. Mai 1922 heiratete Karl Jonny Hagen die Kontoristin Martha Emma Kallohn (geb. am 26.06.1905), die Tochter von Paul August Kallohn und Rosa Kallohn, geborene Wolff. Meine Großmutter wurde in der Siemensstrasse 16 (jetzt Planckstraße) in Altona geboren. Ihre Mutter Rosa Kallohn, geborene Wolff stammte aus einem jüdischen Elternhaus.

Sie wurde als Jüdin im Februar 1940 gezwungen den Zusatznamen „Sara“ anzunehmen, den sie gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder löschen ließ. Ihr Mann, der rein "arisch" war, wurde ständig unter Druck gesetzt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Das wäre für meine Urgroßmutter als Jüdin der sichere Weg für die Deportation nach Theresienstadt gewesen. Meine Großmutter Martha Hagen hat dann in Altona gewohnt und die beiden Töchter Thea (geb. 28.10.1922) und Elfriede, meine Mutter (geb. 24.06.1929) geboren.

 

1922 trat Karl Jonny Hagen, der in Deutschland gegründeten Hilfsorganisation Rote Hilfe bei, die in der Weimarer Republik überparteilich politische Gefangene aus der Arbeiterbewegung und ihre Angehörigen unterstützte. 1924 trat er, der KPD nahestehenden Organisation wieder aus. 1929 schloss er sich der KPD dann an und übernahm jetzt als führender Funktionär eine leitende Stellung innerhalb der Partei. 1931, während seiner dreijährigen Arbeitslosigkeit, übernahm Jonny Hagen die Gauleitung der Ortsgruppe Altona.

Die politischen Aktivitäten, zum Teil mit 10-20 Mitgliedern, fanden abwechselnd in ihren Wohnungen statt. Nach der Versammlung wurden die Wohnungen immer  nur zu zweit verlassen, da die SS bereits in den Straßen patroullierte. Martha Hagen und die anderen Frauen standen zusammen „Schmiere“.

Er wohnte zu diesem Zeitpunkt (1934) in der Kleinen Carlstr. 15 III (jetzt Zeißtwiete) in Altona und zog dann 1934 mit seiner Familie in die Steintwiete 25 I. Seine Eltern bezogen im gleichen Jahr eine Wohnung in der Deichstraße 32 II und bewohnten diese bis zu ihrem Tod  (1950).

Am 11. Juli 1935 wurde Karl Jonny Hagen von Gestapobeamten in der Wohnung seiner Familie in der Steintwiete 25 morgens verhaftet. Die Nachbarn, die über meiner Familie gewohnt haben, sind zur Gestapo gegangen und haben von den regelmäßigen Sitzungen, die in der Wohnung meiner Familie stattfanden, erzählt. Bei der Verhaftung waren seine beiden Kinder 6 und 13 Jahre alt, anwesend. Die Wohnung wurde während  der Verhaftung vollkommen verwüstet. Betten aufgeschlitzt, Geschirr aus den Schränken gerissen usw. Für seine 6 jährige Tochter Elfriede war diese Verhaftung bis zu ihrem Tod ein immer wiederkehrender Alptraum. Karl Jonny Hagen wurde ins Untersuchungsgefängnis Holstenglacis gebracht und kam bis zur Überstellung in die Emslandlager ins KOLAFU.

Er war im KOLAFU schweren Misshandlungen ausgesetzt u. a. Fußtritte, Schläge mit dem Lederriemen und über mehrere Wochen lang lag er Tag und Nacht in Eisenketten  gefesselt auf dem Fußboden. Die Unterbringung im Untersuchungsgefängnis wurde mit 500 Reichsmark den Angehörigen in Rechnung gestellt. Seine Ehefrau Martha Hagen hat ihn dort besucht und ihm ein Care-Paket mit Lebensmitteln gebracht. Besuche der Angehörigen waren nur einmal im 1/4 Jahr und nur für 10 Minuten gestattet. Zwischen Karl Jonny Hagen und seiner Frau saß ein SS Mann. Da alles heimlich geschehen musste, hat sie eine Tomate ausgehöhlt, in der sie eine Rose ins Gefängnis schmuggelte. Daraufhin hat er ihr das oben wiedergegebene Gedicht geschrieben. Seine Familie hat ihm alle 10 Tage ein Paket gepackt und es ins Gefängnis geschickt. Auch seine Wäsche mussten sie waschen und ihm wieder zuschicken. Das Geld was seine Familie ihm ins Paket packte, hat er nicht bekommen.

Die Verhöre fanden im berühmt berüchtigten „Stadthaus“ an der Stadthausbrücke statt. Am 5. Mai 1936 verurteilten die Richter Ewald, Dietrich, Hansen, Horstkotte und Prosiegel vom Hanseatischen Oberlandesgericht Karl Jonny Hagen – wegen Vorbereitung zum Hochverrat – zu 5 Jahren Zuchthaus. Mit ihm zusammen wurden seine Freunde und Weggefährten Hermann Jünemann (geb. 5.10.1902 in Bilshausen /Kreis Duderstadt), 5 Jahre Zuchthaus, Börgermoor und Esterwegen, anschl. BB 999 und in engl. Gefangenschaft, gest. am 14.5.1986 in Hamburg), Otto Schmahl (geb. 17.6.1905 in Tarnowitz /Kreis Grevesmühlen, 4 Jahre Zuchthaus Esterwegen, er hat nach der Zuchthausstrafe in Hamburg gelebt) und Josef Wieczorek (geb. am 1.10.1894 in Kuznia Polen, 5 1/2 Jahre Zuchthaus Vechta, gest. 4.3.1977 in Hamburg) verurteilt.

Sie wurden angeklagt, am "illegalen" Wiederaufbau des Einheitsverbandes für das Baugewerbe mitgewirkt zu haben. Dieses beinhaltete regelmäßige Treffen des Einheitsverbandes, kassieren von Beiträgen und Verbreitung der Zeitungen  „Der Bauprolet“  und „Der Klassengewerkschaftler“. Der Einheitsverband hatte den Charakter einer Gewerkschaft.

Die Angeklagten mussten die Kosten des Verfahrens selber tragen. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihnen aberkannt, welches mit einem "e" auf den Personenkarteikarten vermerkt wurde. Karl Jonny Hagen verbüßte seine Zuchthausstrafe in „Strafgefangenenlager“ Börgermoor und Brual-Rhede bis zum 14. Juli 1940. Er verrichtete dort zusammen mit Hermann Jünemann die schweren Moorarbeiten. Geschlafen haben sie nachts dann auf feuchten Strohsäcken. 

Börgermoor ist bekannt geworden durch das Lied der Moorsoldaten. Mein Großvater hat gerne und viel gesungen. In seinen Unterlagen steht, dass er eine schöne Stimme hatte. Er spielte gerne auf dem Harmonium und auf der Mundharmonika.

 

Er kam am 14. Juli 1940 nach Hamburg zurück. Seine Frau Martha Hagen hatte sich 1939 von ihm scheiden lassen. Sie lebte als "Halbjüdin" und als Ehefrau eines verurteilten politischen Häftlings in ständiger Angst davor, von den Nationalsozialisten in eines der Konzentrationslager deportiert zu werden. Ihr wurden ständig die Wohnungen gekündigt, sobald bekannt wurde, dass sie jüdischer Herkunft war. Sie musste während des Krieges schätzungsweise 15 mal umziehen. Sie ging eine Beziehung mit Walter Sierau (geb. 17.9.1901) ein und erwartete von ihm ihr 3. Kind Karl-Heinz (geb. am 25.2.1939). Die Ehe wurde von den Nationalsozialisten abgelehnt um die „Reinhaltung der Rasse“ nicht zu gefährden. Walter Sierau wurde 1943 zum Wehrdienst in Ostpreußen (Königsberg) eingesetzt und gelangte dann wahrscheinlich in russische Kriegsgefangenschaft. Es ist nicht bekannt, wo er begraben liegt. Sie hat die Ehe nach Beendigung des Krieges für gültig erklären lassen.

 

 

Meine Urgroßmutter wurde von der Gestapo regelmäßig ins „Stadthaus“ an der Stadthausbrücke vorgeladen. Sie befürchtete, dann ab 1943 sofort nach Theresienstadt deportiert zu werden. Als ihre Tochter Martha Hagen sich bereit erklärte und stattdessen zu einer dieser Vorladung ging, kehrte  sie traumatisiert wieder zurück. Sie muss dort schreckliches erlebt haben, wie ihre Tochter später berichtete.

Der Name meiner Urgroßmutter Rosa Kallohn ist auf der Deportationsliste 1945 für das Konzentrationslager Theresienstadt eingetragen. Meine Familie hat meine Urgroßmutter die letzten Monate versteckt. Ich vermute dass sie im Kleingartenverein bei der Mutter von Walter Sierau am Bornkampsweg versteckt gehalten wurde. Nur deshalb konnte sie den Nationalsozalismus überleben.

 

Ich vermute weiter, dass Karl Jonny Hagen nach seiner Rückkehr aus den Emslandlagern weiter im Widerstand tätig war. Leider kann ich dieses nicht belegen. Aber sein engster Freund Josef Wieczorek wurde erneut am 2.10.1941 verhaftet und verbüßte eine erneute Haftstrafe im KOLAFU.

 

Am 23. Januar 1943 wurde Karl Jonny Hagen, der bisher als Wehrunwürdiger nicht zum Kriegsdient herangezogen wurde, nach den schweren Verlusten an der Ostfront, wie andere politisch Verfolgte zum „Bewährungsbataillon 999“ eingezogen. Dafür wurden sie als bedingt wehrwürdig erklärt und erhielten einen „blauen“ Einberufungsschein.

Die Zusammenstellung  der Züge erfolgte am Truppenübungsplatz Heuberg in der Schwäbischen Alb. Mit der 3. Abteilung kam er nach Griechenland zur Partisanenbekämpfung. In Griechenland und auch in anderen Ländern wo die politisch verfolgten Häftlinge eingesetzt wurden, waren sie weiter als Widerstandskämpfer  u. a. in den Organisationen „AKFD“ und „Verband deutscher Antifaschisten„  auf den Peloponnes  aktiv.  In Griechenland nahmen die Widerstandskämpfer Kontakt zur ELAS (griechische Kommunisten) auf und setzten die Bevölkerung vorher von den geplanten Anschlägen in Kenntnis. So konnte die Bevölkerung Griechenlands sich oft auf die geplanten Anschläge vorbereiten und die Ortschaften dann rechtzeitig verlassen. Immer versuchten die Widerstandskämpfer die Kriegsproduktion zu sabotieren, indem sie z. B. Munition entschärften. Wenn dieser Verrat bekannt geworden ist, dann wurden die Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten hingerichtet, oft durch Erschießen.

Einen letzten Brief an seine Kinder Thea und Elfriede schrieb Karl Jonny Hagen am 3. September 1944. Seine Abteilung wurde am 21. September 1944 in Griechenland abgezogen und in Bosnien bei den Partisanenkämpfen eingesetzt.

 

Im November 1944 wurde Karl Jonny Hagen nach einer Verwundung während des Rückmarsches in Bosnien in ein Lazarett eingeliefert. Er gilt seitdem als verschollen. Seine sterblichen Überreste wurden nie gefunden. Ein Grab für meinen Großvater Karl Jonny Hagen gibt es bis heute nicht.

 

Rosa meine Urgroßmutter hat den Nationalsozialismus überlebt, weil meine Familie sie versteckt hat. Sie galt als Verfolgte nach den Nürnberger Gesetzen. Sie hat Anträge auf  Entschädigung bei den Deutschen Gerichten gestellt. Dafür musste sie unfassbar demütigende ärztliche Untersuchungen über sich ergehen lassen. Da sie stark traumatisiert war und noch starke Ängste hatte aus der Wohnung zu gehen, machte das die Arztbesuche wiederum sehr schwierig. Von den Ärzten konnte sich keiner vorstellen,

dass sie Ängste hatte. Entschädigungen gab es gar nicht oder nur sehr wenig.

 

Ich bin bei meiner Mutter Elfriede und Großmutter Martha aufgewachsen.

Sie ist 30 Jahre nicht aus der Wohnung gegangen. Sie war durch die Verfolgungen ebenfalls stark traumatisiert. Damals gab es noch keine Traumatherapie.

 

Wie hält man sowas aus. Das ist für mich heute unvorstellbar.

 

Bärbel Klein

Herr Peter Hess erzählt von seiner Initiative der Stolpersteine in Hamburg.

Standort: Deichstraße / Steintwiete in Hamburg.

Bärbel Klein die Enkelin von Karl Jonny Hagen enthüllt den Stolperstein.